21.4.18

"Feindbilder vernichten"

"Dem Rad in die Speichen fallen" hat Dietrich Bonhoeffer für nötig gehalten. Das heißt, man darf nicht warten, bis es Opfer gibt, um ihnen dann zu helfen. 
Auf das gleiche Argument beruft sich auch die so genannte Humanitäre Intervention. Keine Frage, dass es sinnvoller gewesen wäre, die Gleisanlagen auf dem Wege nach Auschwitz zu zerstören, als in einer weiteren Großstadt Feuerstürme zu entfachen. 
Die Vergeltungsaktion für den Giftgasangriff, von dem nicht nachgewiesen war, wer ihn veranlasst hat, half weder den Opfern noch half er, sie zu verhindern.* Wofür könnte der gut gewesen sein?

Reinald Engelbrecht glaubt den "Hauptgrund für immer neue Kriegsschauplätze und Flüchtlingsströme" gefunden zu haben:
"Ein militärisch-industrieller Komplex, der mit einem jährlichen 700 Milliarden-Dollar-Etat aus Washington gefüttert wird und darum mit neuen und alten Feindbildern und inszenierten Konflikten seine Berechtigung nachweisen muss." (Bergsträßer Anzeiger 21.4.18) In dieser Hypothese wäre er sich vermutlich mit dem Weltkriegsgeneral und späteren US-Präsidenten Eisenhower einig gewesen, der in seiner Abschiedsansprache am 17.1.1961 vor diesem militärisch-industriellen Komplex warnte
Als nach dem Zusammenbruch des Ostblocks um 1990 der NATO das Feindbild abhanden kam, führte das zu Kürzungen im Militärhaushalt, wenn auch nur zu geringen. Diese
"Friedensdividende" hätte vielleicht in der Tat die Rüstungsindustrie mittelfristig schwächen können, wenn nicht die Anschlage auf das Welthandelszentrum vom 11.9.2001 zu einem neuen Feindbild und neuen Kriegen geführt hätte. 

Doch wer auch immer an Feindbildern interessiert sein mag (Terrororganisationen gewiss),
Wenn man die Auffrischung alter oder die Entstehung neuer Feindbilder verhindern kann, hat man sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass es nicht zu immer neuen Opfern kommt. 
Als Pfarrer ruft Reinald Engelbrecht dazu auf "Feindbildervernichter" zu sein. 
Ich denke, man braucht kein Christ zu sein, um sich diesem Aufruf anzuschließen. 

Freien Medien, die nicht - wie etwa in der Türkei - mit Repressalien rechnen müssen, stünde es gut an, keine Feindbilder zu schüren. Freilich, auch in Demokratien fällt es gar nicht leicht, gegen den Mainstream anzugehen. 
Es könnte aber dazu beitragen, dass viele Opfer vermieden werden.

Der Blick auf die Jemenkrise und die militärischen und humanitären Folgen kann das vielleicht besser verdeutlichen als der auf den Syrienkrieg, weil uns die dortigen Feindbilder weniger vertraut sind.

* Völkerrechtliche Implikationen des Militärschlags vom 14.4.2018

13.4.18

Musterbeispiel zu Schwierigkeiten bei der Formulierung von Nachrichten

Der Fall Skripal ist für die Behandlung im Unterricht nicht wichtig genug.
Wohl aber eignet er sich dafür, die Probleme bei der verkürzten Wiedergabe von Nachrichten und ihrer Richtigstellung zu behandeln:

Fake News oder interessengeleitete Interpretation? Fonty 13.4.18

Der Fall Skripal wird zum Offenbarungseid einer Branche Nachdenkseiten 13.4.18 (Die Überschrift ist auch nicht gerade ein Musterbeispiel von Objektivität.)

11.4.18

Wolfgang Kraushaar: „Den RAF-Parolen nicht nochmal auf den Leim gehen“ 1968 und die Folgen

Den RAF-Parolen nicht nochmal auf den Leim gehen“ FR 17.11.17
Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf  2007
"[...]Dutschke war weder ein Befürworter der RAF noch einer des Terrorismus insgesamt Trotz aller Beziehungen, die er zu jenen inhaftierten RAF-Mitgliedern pflegte, die er wie etwa Jan-Carl Raspe aus der Zeit vor dem Attentat kannte, war Dutschke ein politischer Gegner der RAF. Er sah in ihr im Grunde eine jener Sekten, die nach dem Niedergang der APO und des SDS so zahlreich entstanden waren und unter leninistischen, stalinistischen und maoistischen Vorzeichen das Land überschwemmten. [...]" 



Wolfgang Kraushaar: 1968, 2018 100 S. bei Reclam (mit Leseprobe)

Kraushaar versucht, seine Erfahrungen (er fing mit 19 Jahren in Frankfurt sein Studium an und hörte u.a. Adorno) durch mittlerweile jahrzehntelange Quellenstudien in historische Einsichten umzumünzen. 

Ich war damals älter und erheblich distanzierter als er, bin aber froh, dass ich mein damals gesammeltes Material nicht zu veröffentlichen brauche, weil andere das sehr viel besser gemacht haben.
Auf mein politisches Tagebuch vom 1.7.1966 - 16.10.1969 weise ich aber hin. Mir selbst ist bemerkenswert, wie wenig darin und auch in meinem privaten Tagebuch von der Studentenbewegung (Beispiel 4.6.67: Der hinweis auf Ohnesorg geht unter anderen Nachrichten nahezu unter, obwohl ich klarstelle, dass ich auf der Seite der Demonstranten stehe.)  und Erlebnissen in diesem Kontext die Rede ist, obwohl sie mich sehr umgetrieben haben. - Vermutlich hatte ich das Gefühl, das Geschehen nicht beurteilen zu können und mit schriftlichen Urteilen bis zu einem größeren Abstand davon warten zu sollen.

10.4.18

Zuckerbergs Befragung vor dem US-Kongress und Faktencheck durch die NYT (Livestream)

Livestream der Befragung

Zuckerberg is scheduled to appear before a joint hearing of the Senate Judiciary and Commerce committees on April 10 (Tuesday). Zuckerberg will also appear April 11 (Wednesday) in a hearing before the House Energy and Commerce Committee.
Tuesday will mark Zuckerberg's first congressional appearance, and lawmakers are sure to grill the 33-year-old executive of one of the world's most valuable companies. Here's how you can watch lawmakers seek further details about abuse of the Facebook platform and the company's actions.
Livestream der Befragung
(https://www.cbsnews.com/live-news/watch-mark-zuckerberg-testimony-senate-judiciary-commerce-committee-facebook-data-breach-today-live/)

Tweets dazu

Faktencheck zu seinen Aussagen durch die New York Times
https://www.nytimes.com/2018/04/10/technology/zuckerberg-elections-russia-data-privacy.html 

Mark Zuckerberg bleibt die zentrale Antwort schuldig NZZ 11.4.18


Focus 11.4.18:
"19.10 Uhr:Senator Loebsack stellt nun die existenziellen Fragen: Ist es möglich für Facebook, als Unternehmen zu existieren, wenn man keine Daten verkaufen würde?
Zuckerberg korrigiert sofort: Man verkaufe keine Daten an Firmen.
Loebsack schlägt zurück: Wenn man die Daten teile anstatt verkaufe?
Das kann Zuckerberg nicht wirklich mit Ja beantworten."

Welt 12.4.18: Diese vier Fragen will Mr. Zuckerberg nicht beantworten
 Lindsey Graham aus South Carolina "wollte schlicht wissen, wer Facebooks Rivalen sind. Der Gedanke hinter der Frage ist, dass Facebook womöglich eine Monopolstellung besitzt und der Markt mehr Wettbewerb benötigt. Zuckerberg wirkte verunsichert, geriet ins Stottern. Welche soziale Plattform sollte er als Konkurrenten nennen? Instagram und WhatsApp wären Möglichkeiten – aber die hat Facebook ja gekauft. Und so blieb Zuckerberg die Antwort schuldig."

FAZ 11.4.18:


Spiegel online: US-Senatoren grillen Mark Zuckerberg

ZEIT: Der große Datenmissbrauch

7.4.18

50 Jahre Club of Rome: Zeit für aufgeklärtes Handeln

Heute feiert der Club of Rome (Tweets zu Club of Romesein 50-jähriges Bestehen.
Weltweit bekannt geworden ist er durch seinen Bericht Die Grenzen des Wachstums, 1972. Der hat aufgerüttelt und viele Diskussionen angeregt.
Viel Zeit ist vergangen. Viel ist getan worden, aber noch mehr Falsches.
Die Konsequenzen aus der neuen Situation zeigen die neusten Berichte:

Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, 2017
   dazu:  
   Rezension Perlentaucher
  Bericht der FR
  Bericht im Deutschlandfunk
  Interview mit Ernst Ulrich von Weizsäcker (Das-Kapital-wurde-arrogant)

Ein Prozent ist genug, 2016

2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre, 2012

So viel fürs erste. Ich empfehle, den angegebenen Links nachzugehen.



Co-President Ernst von Weizsäcker at anniversary lecture in presenting latest report to the Club of Rome !

Read this article by Global Footprint Network that shows the UN Sustainable Development Goals are negatively correlated to sustainability. The conclusion: Development needs to embrace resource security to deliver lasting results.

4.4.18

"Facebook ist nicht Google, es hat nicht die gleiche Qualität der Mitarbeiter"

"Facebook ist nicht Google, es hat nicht die gleiche Qualität der Mitarbeiter", sagt Andreas Weigend 
Das schreibt die ZEIT. Sie fährt fort, der Apple-Chef Tim Cook habe gesagt, "Ich wäre nicht in dieser Situation" und lege damit nahe, "dass Apple zu klug war, um den Nutzer selbst samt seiner Daten zum Produkt zu machen". (ZEIT online 4.4.18)

Ich fühle mich in meiner jahrelangen Ablehnung von Facebook bestätigt.
Zwar halte ich auch Googles Umgang mit den Daten seiner Nutzer für fragwürdig, und ich versuche, seine Marktmacht möglichst wenig zu fördern. Aber da, wo Google das beste Instrument liefert, scheue ich nicht davor zurück, es einzusetzen, auch wenn ich versuche, es zu umgehen. In der ZEIT heißt es auch: "Entsteht aus dem Facebook-Skandal ein gesundes Verhältnis zu Daten? Unmöglich ist das nicht." In diesem Fall hoffe ich mit, auch wenn die Hoffnung nicht sonderlich gut begründet ist.
Ich wäre schon froh, wenn ein gesunderes Verhältnis zu Daten herauskäme.

30.3.18

Durch Bestechung zur Belohnung - Was wir von der Hundeerziehung für die Selbsterziehung lernen können

Zu den vier Bs, mit denen man sich gesund erhält, gehört ganz wesentlich auch die Belohnung. Aber wie kann man sich selbst belohnen, wenn kein anderer es tut?

Das wird im Blog "Pausenkaffee" am Beispiel der Hundeerziehung klar gemacht:


"Schauen wir uns mal in der modernen Hundeerziehung die Idee der Belohnung an. Es muss ja etwas anderes sein als eine Bestechung. Lernt ein Hund einen neuen Trick (ich bleibe mal beim “Sitz”), so wird er zunächst mal bestochen, das Verhalten auch auszuführen, damit er es erst mal lernt. Das ist normal und auch kaum anders zu machen, da der Hund zunächst lernen muss, was “Sitz” bedeutet. Entweder bestechen wir mit Leckerlis, oder mit Zugang zu anderen Ressourcen.
Hier ist der Punkt, an dem sich die Hundeerziehung aber von der Menschenerziehung meist unterscheidet oder ihr sogar einen Schritt voraus ist. Denn die Bestechung wird dann Stück für Stück ausgesetzt. Die Hand macht die gleiche Geste und tut so, als wäre da ein Leckerli, aber da ist gar keins. Fies und gemein. Und dann passiert etwas für den Hund Seltsames: für die zweite Ausführung des “Sitz” gibt es plötzlich wieder etwas. Oder für die dritte, vierte oder zwanzigste. Stück für Stück wird die Bestechung durch eine Belohnung ersetzt.
Der Hund führt den Trick nicht mehr aus, weil er dann das Leckerli bekommt, sondern weil er dafür vielleicht ein Leckerli bekommen könnte. Nicht falsch verstehen: der Hund bekommt dann nicht etwa mengenmäßig mehr zu fressen oder ein besseres Futter, sondern immer noch das Gleiche wie vorher.
Studien haben gezeigt, dass beim Geben der Belohnung Serotonin ausgeschüttet wird. Das Krasse ist, dass umso mehr Glückshormone ausgeschüttet werden, desto länger nix kam – natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze. Das heißt: je seltener und ungleichmäßiger die Belohnung war, desto größer war der Serotoninausstoß. Es kommt aber noch krasser. Der Hund spürt die Freude nach kurzer Zeit auch schon beim Ausführen des Tricks selbst. Er handelt also nicht mehr primär für das Leckerli, sondern für den Trick an sich. Er ist intrinsisch motiviert sich auf Befehl hinzusetzen."
(Von Bestechung und Belohnung bei Hunden und Schülern, Pausenkaffee 27.3.18 - kleine Tippfehler sind verbessert, Hervorhebungen und ein Link hinzugefügt)

Gemeinhin spricht man in der Psychologie bei der Selbsterziehung davon, man solle sich selbst belohnen. Dabei ist das, was einem da empfohlen wird, ja nur eine Methode, wie man sich selbst bestechen kann. Aber das Gute ist, dass man über Selbstbestechung gute Gewohnheiten entwickeln kann. 
So ist das Fasten der Mönche und das Verzichten auf etwas Angenehmes in der Fastenzeit (wie es seit einiger Zeit immer häufiger geübt wird) auch eine Übung in der höchst wichtigen Fähigkeit der Selbstbeherrschung.
Was religiös begründet wurde, ist eine Form der Selbsterziehung.