20.11.17

Wechsel im Vorstand - ZUM im Wandel

Karl Kirst scheidet aus dem Vorstand der ZUM aus, Ralf Klötzke steigt ein.
Wenn man das Wichtigste dazu wissen will, liest man Karl Kirsts Blogbeitrag über das, was er in der ZUM geleistet hat, und sieht sich das DSD-Wiki an, das Ralf ganz allein aufgebaut hat, außerdem seinen Blog Landeskunde und im DAF-Wiki die Seiten Fortbildung sowie seine Benutzerseite R.Kloetzke. Unvollständig wäre das Bild freilich ohne einen Blick in das ZUM-Willkommen.de Wiki, das seine Entstehung der Zusammenarbeit von Ralf Klötzke und Karl Kirst verdankt.

Für mein Gefühl ist aber selbst das viel zu wenig. Daher möchte ich dem kurz meine persönliche Sicht der Entwicklung der ZUM hinzufügen. Wenn ich dabei allzu sehr in Hochglanzbroschürensprache verfallen sollte, bitte ich um Verständnis. Meine persönlichen Gefühle gehören meiner Meinung nach nicht in diesen Blog, und ohne die droht jedes Lob klischeehaft zu werden.

Wer die ZUM* kennt, weiß, dass sie zum einen auf der mehr oder minder stark koordinierten Arbeit von sehr vielen überaus engagierten Lehrern beruht, aber auch, dass sie nicht das hätte werden können, was sie in 20 Jahren geworden ist, wenn es nicht zwei Personen gegeben hätte: Margit Fischbach und Karl Kirst.

Als Margit Fischbach 2012 für ein Youtube Video erzählt hat, wie die ZUM zustande kam, hat es mir schon sehr imponiert. Doch erst jetzt nach weiteren fünf Jahren bin ich mir so recht bewusst geworden, was für eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte die ZUM dank ihrer Gründerin Margit Fischbach erlebt hat.
Wie kommt es zu einer erfolgreichen Internetinstitution? Die Gründer sind jung, männlich und Informatiker. Margit Fischbach war eine gereifte Lehrperson, weiblich und hatte die Fächer Geschichte und Latein.
Und welche Schwierigkeiten waren damals alle zu bewältigen. Damals schien es unmöglich, dass sie es schaffen konnte, und von heute ist es immer noch kaum nachzuvollziehen. Freilich die Personen, die nach zwei Jahren einer Zentrale für Austausch von Unterrichtsmaterialien zu ihr gestoßen waren, waren auch nicht ohne.

Und als im Zeichen von Wikipedia die Zeiten stärker in Richtung Kooperation standen, fand sich Karl Kirst, der im ZUM-Wiki das geleistet hat, was in der deutschen Wikipedia von 200 Administratoren nur unvollständig bewältigt wird, nämlich zum einen Ordnung gewahrt und Vandalismus verhindert, vor allem aber einen kooperativen Umgangsstil entwickelt, der es zu einer Freude macht, dort zu arbeiten. (In der Wikipedia muss man deutlich abgehärteter sein oder in Cliquen zusammenarbeiten, um sich gegen mancherlei nervraubende Attacken zu sichern.)

Was ein Glück für das ZUM-Wiki und dann für die ZUM insgesamt war, war die Sorge der Mitarbeiter in der ZUM-Wiki-Family.  Kann Karl die unglaubliche Leistung, die stark wachsende Familie der Wikis auf ZUM.de zusammenzuhalten, neben seinem Beruf unbeschadet überstehen?
Und können die Wikis überstehen, wenn er nicht mehr überall seine ordnende Hand hat.
Und dann ist es gelungen. Karl, ein Netzwerker par excellence, hat so viele ausgezeichnete Leute für die Mitarbeit im Vorstand gewinnen können, dass auch die, die es sich vorher nicht vorstellen konnten, hoffnungsvoll in die Zukunft der ZUM schauen können.
Karl hätte man gewünscht, dass er sich früher aus er Arbeit der ZUM hätte zurückziehen können, der ZUM muss man wünschen, dass er es nicht vollständig tut. Aber auch das könnte die ZUM verkraften. Das zeigt sich daran, dass mit Ralf Klötzke eine weitere hoch erfahrene Spitzenkraft hinzugewonnen werden konnte.

* Video über die ZUM auf Youtube

Eindrücke vom ZUM-Treffen 2017

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Es ist schwer, kein Vertrauen zu haben, wenn ein Vorstand, der so unterschiedlich zusammengesetzt ist nach Temperamenten, Fachrichtungen, Schulformen und inhaltlichen Schwerpunkten so gut zusammenarbeitet, aufgeschlossen ist für Kritik und immer mehr Mitglieder außerhalb des schulischen Umfeldes für die ZUM hinzu gewinnt.
Hier der Rechenschaftsbericht des ZUM-Vorstandes

Neidisch wurde ich freilich auf die überaus konstruktive Kritik, die formuliert wurde (Matthias!), nicht so sehr aus Sicht des Vorstandes, sondern aus Sicht eines Mitglieds. Denn wenn ich so leidenschaftlich ein Ziel vertrete, fällt es mir schwer, mich in den Formulierungen so zurückzunehmen, wie es Matthias fertiggebracht hat.
Schwer vorstellbar, dass dieser Vorstand den Hinweis nicht sehr ernst nimmt und genau überdenkt.

Schwer fällt es mir auch, den Eindruck zu unterdrücken, dass ich in eine Elite hineingeraten bin, in die ich nicht recht passe. Nur dass diese Elite sich so wenig elitär gibt, dass ich mich dennoch wohl fühle, weil ich ja durch meine Teilnahme zu der Buntscheckigkeit und damit zum "schönen, wichtigen, bunten Fleck" der ZUM (David Klett) beitrage.

Weil aber die Erwartungen an die ZUM so hoch - "die kommenden Jahre entscheiden" (ciffi) und vielseitig sind, bin ich sicher, dass auch der neue Vorstand nicht alle Erwartungen erfüllen kann und dass er zumindest - wie auch dieses Jahr - so manchen Zeitplan nicht einhalten kann.

Das braucht aber nicht problematisch zu sein, wenn es gelingt, dass an den Schulen der Geist der Zusammenarbeit noch mehr wächst und von den Anregungen mehr aufgegriffen wird als nur das ZUMpad. Dass da ein Bedarf getroffen worden ist, ist eindeutig.

Ganz besonders wichtig erscheint mir, dass der folgende Schülerwettbewerb aufgegriffen wird:

Schülerwettbewerb Erinnerung sichtbar machen 
(https://www.zum.de/portal/Erinnerung-sichtbar-machen-80-Jahre-Reichspogromnacht-2018)

Denn idealerweise wäre sein Ziel ja, dass jede Erinnerungsstätte an Reichspogromnacht und Judenverfolgung erfasst würde. Und wenn das auch nicht schon am Ende des Wettbewerbs im November 2018 erreicht werden kann, wäre es doch wichtig, dass bis dahin dieses Ziel wenigstens allgemein bekannt wird.
In diesem Sinne bitte ich um Weitersagen.


19.11.17

Was mich hoffnungsfroh stimmt

Stimmen zu 20 Jahren ZUM

20 Jahre ZUM     1997-2017      ZUM.de

Rechenschaftsbericht des ZUM-Vorstandes zu 2016/17

Bericht des ZUM-Teams über das Treffen


Die Tweets zeigen Höhepunkte der Tagung auf. Sie war - wie üblich bei ZUM-Treffen - inspirierend.

Hier setzt ich nur noch die wichtigsten Links hin, auf die ich während der Tagung hingewiesen wurde, sowie wenige Fotos.

Schülerwettbewerb Erinnerung sichtbar machen 
(https://www.zum.de/portal/Erinnerung-sichtbar-machen-80-Jahre-Reichspogromnacht-2018)

DaFWEBKON
Webkonferenz für Deutschlehrende
www.dafwebkon.com

Open-Data Schulprojekt

Teachsam
teachsam.de

OER: edu-sharing.net
edu-sharing.net

OER Song

Youtubevideo zur Geschichte der ZUM

20 Jahre ZUM und OER

Martin Lindner: "Die Bildung und das Netz" wurde von der ZUM gefördert.

Interview mit Martin Lindner

Schmerlenbach


Bericht über die Anfänge von 1997
Ehrung der anwesenden Gründungsmitglieder




Bild im Kreuzgang: Sola...la...?!
Foto von @Bingenberger 

12.11.17

"Lasst alle Hoffnung fahren!"

Gerhart Hauptmann hat eine sorglose Kindheit verbracht, wo ihm die Eltern alle Freiheit ließen und er als Bürgersohn von der Dorfjugend anerkannt sich als Bandenführer stark fühlen konnte und andererseits das Kunststück fertig brachte, die geistigen Anregungen der bürgerlichen Welt zu erhalten und sich gleichzeitig als Angehöriger zu Unterschicht zu fühlen und in ihren Kreisen zu leben. 
Als er - von der Dorfschule kommend, wo er nichts gelernt hatte, aber auch nichts zu lernen brauchte - nach Breslau an die Realschule kommt, wird er zum Schulversager. Er erlebt dann eine Zeit in der Landwirtschaft, die er erst als Befreiung und bald als wiederholtes Scheitern erlebt.
Er erlebt immer wieder Aufschwünge, auf die Abstürze folgen. Seine Hoffnung, er könne ein großer Bildhauer werden, führt ihn an die neue Breslauer Kunsthochschule, wo er, ohne irgendwelche Fortschritte zu machen, ins Bummelantentum verfällt und Schulden macht und sich durchhungert, um abends bei Bier und Tabak mit seinen Genossen zusammensitzen und über Kunstideale reden zu können. Nachdem er an einem Zwischenfall aufgezeigt hat, wie auch moralisch heruntergekommen die Kreise waren, in denen er verkehrte, schreibt er dann:

"Ein häßlicher Gemeingeist des rettungslos Mittelmäßigen in der Schule wirkte sich in dem Bestreben aus, nach Möglichkeit alles zu entmutigen, herabzustimmen, zu hindern, zu lähmen, was einen höherstrebenden Zug mit Hoffnung zu verbinden schien. Man konnte sich seiner nur schwer erwehren. Da hieß es: »Sie wollen ein Rauch, Sie wollen ein Hähnel werden! Bilden Sie sich nur das nicht ein! Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« Immer wieder vernahm man die Worte: »Sie werden sich schön in die Nesseln setzen!« oder: »Bilden Sie sich nur das nicht ein! Machen Sie sich nur keine Hoffnungen!« – Die Nesseln aber, sie waren das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Das, was man sich nicht einbilden sollte, war: ein großer Künstler zu werden, will heißen, überhaupt ein Künstler zu werden, da doch, genaugenommen, man entweder ein großer Künstler oder gar keiner ist. »Sagen Sie nur gleich Michelangelo!« sollte eine allgemeine Höhe bezeichnen, in die hinaufzustreben erwiesener- und anerkanntermaßen für einen Menschen unserer Tage Irrsinn sei. »Machen Sie sich nur keine Hoffnungen«: »Lasciate ogni speranza!« Dante hat diese Worte über dem Eingang zur Hölle gefunden."

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

Die Hoffnung - bei ihm belebt durch die immer wieder erneuten Aufschwünge durch geistige Anregungen und Anerkennung - hält ihn in aller Not und aller Verwahrlosung aufrecht. Und die Hoffnung brauchen wir für uns und für die, für die wir verantwortlich sind.
Wenn wir diese Hoffnung aufgeben, verstoßen wir uns und die, denen wir weiterhelfen wollen, in die Hölle. 

mehr dazu:
Auszüge aus "Das Abenteuer meiner Jugend"
Volltext: Das Abenteuer meiner Jugend

Hauptmann hat diesen autobiographischen Text im Alter von 66 bis 73 Jahren verfasst. Begonnen in der Weimarer Republik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise wurde er in der NS-Zeit nach der Berliner Olympiade und dem Einmarsch ins Rheinland herausgegeben. 



16.10.17

In einer Bildungseinrichtung kann man nicht nicht didaktisch handeln

" Das berühmte Axiom von Paul Watzlawick lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Die Begründung ist: Jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) sei Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten könne, könne man nicht nicht kommunizieren.

Entsprechendes gilt nach  auch für Lehren. Wie auch immer man lehrt. Man handelt didaktisch. 
sieh:  Gabi Reinmann, "Das Didaktik-Axiom"

15.10.17

11.10.17

Kinder für Klimaschutz

Angefangen hat alles mit einem Schulreferat – heute ist Plant-for-the-Planet eine globale Bewegung mit einem großen Ziel: auf der ganzen Welt Bäume pflanzen, um die Klimakrise zu bekämpfen.


Die Schülerinitiative Plant-for-the-Planet 
wurde 2007 vom
9-jährigen Felix Finkbeiner gegründet.

Inspiriert von Wangari Maathai
die in Afrika in 30 Jahren 30 Millionen 
Bäume gepflanzt hat, formuliert 
Felix seine Vision, Kinder könnten 
in jedem Land der Erde eine Million 
Bäume pflanzen. Und so auf eigene Faust 
einen CO2-Ausgleich schaffen, während 
die Erwachsenen nur darüber reden. 
Denn jeder gepflanzte Baum entzieht 
der Atmosphäre pro Jahr ca. 10 kg CO2.
2.859.664.398 Bäume sind gepflanzt, es sollen 1 Trillion Bäume werden.
2017:

Heute sind über 100.000 
Kinder weltweit für
Plant-for-the-Planet 
aktiv.

63.000 von ihnen sind Botschafter 
für Klimagerechtigkeit. 
Das sind Kinder 
von 9-12 Jahren, die ihr 
Wissen auf den Akademien 
an andere weitergeben 
und sie ebenfalls zu 
Botschaftern ausbilden.
So erreicht Plant-for-the-Planet 
möglichst viele Kinder und 
motiviert sie, für ihre Zukunft 
aktiv zu werden.

Sieh auch:
 Drei Billionen Bäume vernichtet

Der Mann, der die Wüste aufhielt (2012)

7.10.17

Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, ...

Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, und die wilden Ranken breiteten richtungslos über dem Boden sich aus. Du weißt ja, wie so manche edle Kraft bei uns zu Grunde geht, weil sie nicht genützt wird. Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen, aber auch nur für den Moment, und die unbehülflichen Kräfte matteten vergebens sich ab. Ich fühlte, daß mirs überall fehlte, und konnte doch mein Ziel nicht finden. So fand er mich.
Er hatt an seinem Stoffe, der sogenannten kultivierten Welt, lange genug Geduld und Kunst geübt, aber sein Stoff war Stein und Holz gewesen und geblieben, nahm wohl zur Not die edle Menschenform von außen an, aber um dies wars meinem Adamas nicht zu tun; er wollte Menschen, und, um diese zu schaffen, hatt er seine Kunst zu arm gefunden. Sie waren einmal da gewesen, die er suchte, die zu schaffen, seine Kunst zu arm war, das erkannt er deutlich. Wo sie da gewesen, wußt er auch. Da wollt er hin und unter dem Schutt nach ihrem Genius fragen, mit diesem sich die einsamen Tage zu verkürzen. Er kam nach Griechenland. So fand ich ihn. [...]
O es sind goldne unvergeßliche Tage, voll von den Freuden der Liebe und süßer Beschäftigung! [...]
Ach! es kann ja nicht einmal ein schöner Traum gedeihen unter dem Fluche, der über uns lastet. Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüten unsers Geistes und versengt sie im Entstehen. [...]
Du wirst einsam sein, mein Liebling! sagte mir damals Adamas auch, du wirst sein wie der Kranich, den seine Brüder zurückließen in rauher Jahrszeit, indes sie den Frühling suchen im fernen Lande. 
Und das ists, Lieber! Das macht uns arm bei allem Reichtum, daß wir nicht allein sein können, daß die Liebe in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt.[...]
Aber sage nur niemand, daß uns das Schicksal trenne! Wir sinds, wir! wir haben unsre Lust daran, uns in die Nacht des Unbekannten, in die kalte Fremde irgend einer andern Welt zu stürzen, und, wär es möglich, wir verließen der Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus. Ach! für des Menschen wilde Brust ist keine Heimat möglich; und wie der Sonne Strahl die Pflanzen der Erde, die er entfaltete, wieder versengt, so tötet der Mensch die süßen Blumen, die an seiner Brust gedeihten, die Freuden der Verwandtschaft und der Liebe. [...] (Hölderlin: Hyperion 1797/99, 6. Kapitel, zitiert in Eva-Maria Hagen: Eva und der Wolf, 1998, S.201/02)

"Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu tun hat." (Hölderlin: Hyperion 1797/99,  67. Kapitel, zitiert in: Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten, 2016, S.142)

Ob wir rothe, gelbe Kragen,
Hüte oder Helme tragen,
Stiefeln oder Schuh’;
Oder, ob wir Röcke nähen,
Und zu Schuh’n die Fäden drehen –
Das thut nichts dazu.
Ob wir können decretiren,
Oder müssen Bogen schmieren
Ohne Rast und Ruh;
Ob wir just Collegia lesen,
Oder ob wir binden Besen –
Das thut nichts dazu.
Ob wir stolz zu Rosse reiten,
Ob zu Fuß wir fürbaß schreiten
Unsrem Ziele zu;
Ob uns vorne Kreuze schmücken,
Oder Kreuze hinten drücken –
Das thut nichts dazu.
Aber, ob wir Neues bauen,
Oder’s Alte nur verdauen
Wie das Gras die Kuh –
Ob wir für die Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen –
Das thut was dazu.
Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Daß es brennt im Nu;
Oder, ob wir friedlich kauern,
Und versauern und verbauern –
Das thut was dazu.
Ob wir, wo es gilt, geschäftig
Großes, Edles wirken, kräftig
Immer greifen zu;
Oder ob wir schläfrig denken:
Gott wird’s schon im Schlafe schenken –
Das thut was dazu.
Drum ihr Bürger, drum ihr Brüder,
Alle eines Bundes Glieder,
Was auch jeder thu’ –
Alle, die dies Lied gesungen
So die Alten wie die Jungen –
Thun wir denn dazu."
(Adalbert Harnisch 1845, von Hannes Wader in den 1960er Jahren in sein Programm aufgenommen (Schallplatte von 1975), von Fontanefan in den 1980er Jahren in Oxford umgedichtet, von Albrecht Müller am 6.10.2017 in den Nachdenkseiten aufgegriffen)

Warum wurden diese Texte, der erste nach den Erfahrungen der Französischen Revolution, aber noch vor dem Aufstieg Napoleons geschrieben, der zweite kurz vor der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 verfasst, in den 1960er Jahren so populär?
Welche Gründe gibt es sie wieder aufzugreifen und 2016 und 2017 zu zitieren?
Nicht zu vergessen, Hölderlin wird zu Recht immer wieder zitiert, war aber in Deutschland wohl nie so populär wie im 1. Weltkrieg. ("So kam ich unter die Deutschen ..." spricht freilich nicht gerade für einen deutschen Nationalismus Hölderlins.)
Zunächst stelle ich hier nur die Frage und ein Stichwort: Bundestagswahl 2017.



24.9.17

Zum Zusammenhang von Duzen und Rechtschreibung

Wolfgang Steinig beschreibt in "Grundschulkulturen" unterschiedliche Lernkulturen. Die informelle orientiert sich stärker an den Bedürfnissen des Kindes, die formelle dagegen stärker an den Anforderungen der Gesellschaft. Auf die Rechtschreibung wirkt sich das insofern aus, als in der informellen Kultur die Rechtschreibung nicht von Anfang an gepflegt wird (man schreibt, wie man spricht), während sie in der formellen von Anfang an eine größere Rolle spielt.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass Kinder aus den so genannten bildungsnahen Elternhäusern mit der informellen Schulkultur sehr gut zurechtkommen, während die mit "bildungsfernem" Hintergrund größere Schwierigkeiten haben, einmal entstandene Defizite aufzuholen.
Das liegt nicht nur daran, dass deren Eltern weniger Hilfestellungen geben können, sondern auch daran, dass sie keinen Nachhilfeunterricht finanzieren können oder wollen. 

In der informellen Kultur duzen die Kinder die Lehrer länger, in der formellen werden sie früher zum Siezen angehalten. Beim Duzen spricht man lockerer und unbekümmerter, beim Siezen achtet man mehr auf formale Korrektheit. Das bedeutet dann auch, dass man sich mehr an der Schriftsprache orientiert - eine Hilfe beim Übergang zum Schreiben. 

So gesehen könnte die informelle Kultur für den in Deutschland besonders auffälligen Abstand zwischen den besten und den schlechtesten Leistungen mitverantwortlich sein.

Ich selbst habe bei einem Unterrichtsbesuch in einer 2. Grundschulklasse, in der beim Aufsatz keinerlei Wert auf Rechtschreibung gelegt wurde, ein Heft gesehen, in dem ich keinen einzigen Rechtschreibfehler entdecken konnte. Das konnte nicht dem Unterricht zuzuschreiben sein, sondern da musste es eine zusätzliche Unterstützung gegeben haben. 
Denn Kinder mit einem großen Wortschatz kommen öfter in die Situation Wörter zu verwenden, die nur selten oder gar nicht gelesen haben. 
Wenn eine Lernkultur dazu beiträgt, Kinder mit schlechteren Lernvoraussetzungen zusätzlich zu benachteiligen, gibt es gute Gründe, neue Wege zu suchen.

23.9.17

Wird auch im Internet weniger gelesen?

Sandra Kegel konstatiert in der FAZ:

"Jedenfalls lässt sich feststellen, dass es kaum noch Bücher gibt, die das ganze Land beschäftigen. Der intellektuelle Resonanzraum schrumpft stetig – und weicht dem Raum für Events. Statt selbst zu lesen, besucht das Publikum lieber spaßige Veranstaltungen in Literaturhäusern oder bei Lesefesten, die längst nicht mehr nur in Großstädten ausgerichtet werden. Damit ist die Literatur im Unterhaltungssegment angekommen, wo sie mit Comedy-Auftritten, Zaubershows und Facebook konkurriert." (Ist das Buch am Ende? faz.net 20.9.17)

In meiner Umgebung wird weniger ferngesehen als Youtube angeschaut. Immer häufiger werden mir statt Leseempfehlungen Hinweise gegeben, ich solle mir eine Sendung ansehen.

Ich lese weit lieber in einem Buch als am Bildschirm, zumal ich ständig am Bildschirm lese. Aber statt dessen unausgereifte Formulierungen anhören, die ich nicht mit copy&paste speichern und verarbeiten kann, will ich eigentlich nicht. Aber ich beobachte an mir selbst, dass ich nach einem gewissen Lesepensum stark ermüde. 
Wird Youtube die Zeitung der Zukunft?

8.9.17

Klare Signale als Voraussetzung für Verhaltenssicherheit

Mit Rollenspielen zu einer klaren Körpersprache

Podcast mp3

Manuskript  pdf

Wenn ich sehe, wie Lehrer, die Schauspielerfahrung haben, zugleich beliebt und strikt sein können (natürlich nicht nur die), dann denke ich mir, so ein Training hätte mir und meinen Schülern geholfen.
Freilich, es darf nicht unter Erfolgszwang geübt und nicht nach einem Modul abgeprüft werden. Dann könnte es zu leicht auf Überforderung hinauslaufen. Aber Selbsterfahrung und Training in diesem Bereich dürften der Mehrzahl der LehrerInnen mehr bringen als so manches Modul.

Und Schüler brauchen heute offenbar noch mehr als früher klare Signale, um im vielfältigen Informations- und Kommunikationsangebot nicht unterzugehen.

Noch wichtiger ist freilich, dass die Lehrerschaft einer Schule ein Team bildet und eine Schulgemeinschaft aufbaut. (sieh: Hauptschulblues hier, hier und hier)



14.8.17

Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!

Ich möchte hier einige zentrale Aussagen von Jean-Pol Martin über die Notwendigkeit einer Neuformulierung der Menschenrechte im Lichte gesellschaftlicher Veränderungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse vorstellen. Das vollständige Manifest findet sich in seinem Blogartikel:  Wir brauchen neue Menschenrechte!

"[...] Gestützt auf diese Erkenntnis und auf die Tatsache, dass Planen und Reflektieren zu den Dispositionen und Bedürfnissen des Menschen gehören, sollten bei der Auflistung von Grundrechten neue Prioritäten gesetzt werden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstand entsprechend dem historischen Entstehungskontext in der Tradition der Aufklärung auf philosophischer, idealistischer Basis. Sie stützte sich nicht auf ein wissenschaftlich abgesichertes, kohärentes Menschenbild, aus dem sich logisch ableitbare Handlungsempfehlungen aussprechen lassen. Die Artikel scheinen ihre Reihenfolge und ihre Unterteilung vielfach dem Zufall zu verdanken. Die zentralen Begriffe, allen voran „die Menschenwürde“, oder „die Freiheit“ sind unscharf und lassen großen Spielraum für philosophisch oder theologisch geprägte Interpretationen.
Daher sollte bei der Auflistung von Menschenrechten direkt an die Konstitution des Menschen und an seine Bedürfnisse angeknüpft werden.
Es werden Forderungen an die politischen Verantwortlichen gestellt.  Diese verändern radikal den Blick auf die Welt.
Unter den einzelnen Artikeln stehen die Artikel aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die sich zur entsprechenden Thematik einordnen lassen.

Präambel:GlückZiel aller Maßnahmen weltweit ist die Schaffung von Strukturen (wirtschaftlichen, politischen, ethischen), die für ein Mehr an Entfaltung für die Natur und an Glück* für alle Lebewesen sorgen. Die nachfolgenden Artikel bilden dazu Voraussetzungen.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
Artikel 1: Denken
Zentrales Grundbedürfnis des Menschen ist das Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung).
Es müssen alle Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen Zugang zu Informationen und zur Möglichkeit der Konzeptualisierung erhalten. Optimales Denken setzt die optimale Realisierung der Artikel 2 bis 6 voraus.
Allg. Erklärung: Artikel 18, 19, 26, 27
Artikel 2: Gesundheit
Alle Maßnahmen werden weltweit getroffen, damit Lebewesen ihre physiologischen Bedürfnisse befriedigen können. Dies schließt auch das Bedürfnis nach Sexualität ein. Mit der Natur als Reservoir wird sorgfältig und schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 24, 25
Artikel 3: Sicherheit
Es wird weltweit angestrebt, Strukturen zu schaffen, die ein Maximum an Sicherheit für alle Lebewesen sorgen. Mit der Natur wird in diesem Zusammenhang schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 17, 22, 28
Artikel 4: Soziale Einbindung
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen sich in einem sozial stützenden Umfeld bewegen. Es sollen Strukturen geschaffen werden, die Selbstverwirklichung sozial unterstützen.
Allg. Erklärung: Artikel  1,  16, 20, 22, 25, 26, 27
Artikel 5: Selbstverwirklichung und Partizipation
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen alle ihre Potenziale zur Entfaltung bringen. Dabei wird schonend mit der Natur umgegangen. Da die Entfaltung des Einzelnen nur im Rahmen der ihn umgebenden Strukturen erfolgen kann, muss die Möglichkeit bestehen, Einfluss auf diese Strukturen zu nehmen, also zu partizipieren. Die Gesellschaft ist zur Optimierung darauf angewiesen, dass möglichst viele ihre intellektuellen, emotionalen und materiellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen.
Allg. Erklärung: Artikel 12, 13, 17, 18, 19, 20, 21, 23, 24, 25, 26, 27
Artikel 6: Sinn
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen ihr Leben als sinnvoll und befriedigend empfinden.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
 Einen Vorteil dieser Neuformulierung der Menschenrechte sehe ich in ihrer Operationalisierbarkeit.
Während „die Menschenwürde“ oder die „Freiheit“ wegen ihrer Abstraktheit schwer direkt einklagbar sind, lässt sich das „Recht auf gute Denkbedingungen“ leichter konkretisieren [...]  (Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!)

21.7.17

Die Flüchtlingskrise in den Medien

"Die überregionalen Medien haben die Bevölkerung vergessen" Deutschlandfunk 20.7.2017
"Während der Flüchtlingskrise sei zu unkritisch über die Zuwanderung berichtet worden - das ist das Ergebnis einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung"

mehr dazu

Ich freue mich, dass jetzt in einer Studie untermauert worden ist, wovor ich seit Herbst 2015 gewarnt habe und was ich im Februar 2016 ausführlich als Blauäugigkeit kritisiert habe. 
In der Flüchtlingskrise 2015 wurden die moralischen Appelle seitens der Politik und in den zentralen Medien überbetont und die Schwierigkeiten klein geredet. 
Gut ist, dass jetzt ein größerer Realismus in Berichten und Kommentaren eingekehrt ist.
Beschämend ist, dass er nach den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 so schlagartig einsetzte, als wären die Medien zentral gesteuert. 
Und bedauerlich ist, dass der Deal der EU mit der Türkei zu selten realistisch behandelt wird als ein Umschwenken in der Flüchtlingspolitik, das wegen der Überforderung der Institutionen notwendig, aber nicht von den notwendigen Maßnahmen zur Stärkung der Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen begleitet wurde.
Dieser sehr problematische Deal wurde meist entweder radikal verworfen oder nahezu unkritisch gerechtfertigt. 
Ich hoffe, dass die Qualitätsmedien aus ihren Fehlern genügend gelernt haben, dass sie nicht wieder so energisch in die Falle einer törichten Einseitigkeit tappen. 

Natürlich war es ein Segen, dass das Sterben Zehntausender im Mittelmeer in den Blick geriet.
Aber das - politisch verständliche - "Wir schaffen das"  in den Medien unkritisch zu begleiten, war kontraproduktiv.

Es macht mich freilich auch nicht glücklich, dass manche Zeitung frühere Fehler dadurch gut zu machen versucht, dass sie nun dem AfD-Wahlkampf besondere Aufmerksamkeit zuwendet. 

Zur Sicherung der schriftlichen Überlieferung

Rettung von Bücherschätzen: In guter Ordnung, aber schlechter Verfassung FAZ 18.7.2017
"Wissenschaft und Gesellschaft brauchen beides, das Original und das Digitalisat. Aber weder mit der Bewahrung der Originale noch mit der Digitalisierung der historischen Buchbestände geht es in Deutschland recht voran. Dabei müsste die Sicherung der schriftlichen Überlieferung auf der kulturpolitischen Agenda ganz oben stehen. [...]
Fast alle Nationen empfinden es als ehrenvolle Pflicht, ihre in Jahrhunderten entstandene schriftliche Überlieferung in das gemeinsame Haus Europa einzubringen. Ausgerechnet Deutschland lässt seine Originale unsichtbar in den Magazinen und riskiert ihren physischen Verfall, als ob die deutschen Bibliotheken nicht schon im Zweiten Weltkrieg fünfzehn Millionen Bände verloren hätten. Der deutsche Beitrag zur europäischen schriftlichen Überlieferung, der bisher nur als Underperformance bezeichnet werden kann, muss auch im Online-Portal Europeana erkennbar werden."

Dazu auch:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/gedruckt-oder-digital-e-read-erforscht-das-lesen-14936028.html

Ich habe vor, auf das Thema zurückzukommen, möchte aber jetzt schon darauf hinweisen.

19.7.17

Guter Unterricht

Lehrer über Inklusion: So könnte guter Unterricht gehen Spiegel online 18.7.17
"Viele Eltern und Lehrer kritisieren die Inklusion - wegen fehlenden Personals und mangelnder Ausstattung. Für Lehrer Philipp Krüger nur die halbe Wahrheit. Er fordert anderen Unterricht."

 Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.“ 

Philipp Krüger hat Recht, wenn er einen anderen Unterricht als Voraussetzung dafür fordert, dass Inklusion gelingen kann. Schließlich gibt es Beispiele, wo er möglich ist.

Ich wünsche mir, dass diese Forderung allgemeiner verbreitet wäre und auch in der Lehrerausbildung berücksichtigt würde. Bis dahin aber wird Inklusion ohne zusätzliches Personal bei den jetzigen Organisationsformen nur unter besonderen Umständen erfolgreich sein können. Im Regelfall brauchen benachteiligte Schüler andere Organisationsformen. 
Schüler, die in der Regelschule gescheitert sind, können so schon heute angesammelte Lerndefizite wieder ausgleichen. 

15.7.17

Deutschland als Exportweltmeister und das Flüchtlingsproblem

Wikipedia Commons, Strich von Fontanefan
"If you draw an angled line between Bristol and the Wash, you divide the country into two halves with roughly twenty-seven million people of each side. Between 1980 and 1985 the southern half lost 103,600 jobs. In the northern half in the same period they lost 1,032,000 jobs, alsmost exactly ten times as many. And still factories are shutting. [...] So I ask again: What do all those people in all those houses do - and what, more to the point, will their children do?" (Bill Bryson: Notes from a small Island, S. 212 Copyright 1995)

Die möglichen Folgen des Brexit sind dabei nicht eingerechnet. Ich möchte die Frage aber "more to the point" zu einer Linie west-östlich durch das Mittelmeer stellen und mich speziell auf den Handel der EU mit Afrika und auf Deutschlands Rolle als Exportweltmeister beziehen: Was werden die Menschen in Afrika in 20 Jahren tun, wenn wir an unserer Politik festhalten? (Fontanefan)

Weiteres zu Deutschland als Exportweltmeister

Und hier ein Auszug aus einem Blogartikel von apanat vom 1.10.2010:
"Den Titel des Exportweltmeisters gegen China verteidigen zu wollen, wäre Rückfall ins 20. Jahrhundert. Es gilt, die Marktnischen zu finden, die der Koloss China bei seiner Aufholstrategie nicht besetzen kann.
Für die heutige Bundesrepublik ist ein Festhalten am Gigantismus überholt, und ein Kampf gegen die eigene Bevölkerung, wie ihn China 1989 am Platz des himmlischen Friedens geführt hat, wäre heute selbst für China eine überholte Strategie.
„Die gesamte Geschichte, unabhängig von Zeit und Ort, durchzieht das Phänomen, daß Regierungen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft“, sagt Barbara Tuchmann in ihrem Werk „Die Torheit der Regierenden“.
Es steht zu hoffen, dass die, die gestern noch die Polizei zu ihrem Büttel gemacht haben, ihre eigenen Interessen erkennen. Das gilt nicht nur für die Regierungen [...], sondern auch für die Manager multinationaler Konzerne in Europa und Nordamerika.
Rund 10 Milliarden DM betrugen die in den Sand gesetzten Investitionen in die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Das Festhalten an überholten Verkehrs- und Energiekonzepten würde die Konzerne weit teurer kommen und sie gewiss ihre Konkurrenzfähigkeit kosten."

Den EU-Handelsprotektionismus und das Flüchtlingsproblem gab es damals schon längst, nur war es damals noch wenig erfolgversprechend, auch damit zu argumentieren.

Eine Nachricht aus Kamen. Dort geht es um einen Flüchtling aus Afghanistan.

Damit auch eine Argumentation für Deutschland als Exportweltmeister verglichen werden kann, hier Uwe Jean Heuser "Böser, böser deutscher Export" vom 12.7.2017

Dafür aber auch eine sehr klar formulierte Kritik am ExportÜberschuss:
Mehr zu Exportweltmeister und Exportüberschuss



11.7.17

Moderne Didaktik - Kompetenzorientierung

Bildungskatastrophe: Abiturienten scheitern schon am Bruchrechnen Wirtschaftswoche 10.7.2017

Die Klage über die Unkenntnis der neuen Generation ist schon Jahrtausende alt. Insofern ist die Kritik eines emeritierten Fachdidaktikers an seinen jungen Fachkollegen kein Wunder.
Dennoch sind mit jeder Modernisierung früher beherrschte Fähigkeiten verloren gegangen. Was ein jungsteinzeitlicher Handwerker konnte, eignen sich experimentelle Archäologen heute mühsam an.
Mit jeder neuen Zivilisations- und Kulturstufe geht ein Stück Fähigkeit, ohne sie auszukommen, verloren. (Lars Gustafsson: Die Stille der Welt vor Bach)

Ich will hier nur an das Problem erinnern, es nicht genauer erörtern. Zu Beginn meiner Studienzeit klagte Walther Killy über den "mittleren Studenten"*. Ich war ein solcher Student und habe doch lange geglaubt, man müsse als Deutschlehrer auch die pädagogische Provinz (Wilhelm Meister) und die Campagne in Frankreich kennen.
Zukünftige deutsche Kommunikationswissenschaftler (die Germanistik geht gegenwärtig offenbar in diesem umfassenderen Wissensgebiet auf) werden sicher alle noch Goethe dem Namen nach kennen, aber gewiss nur noch wenige seiner Werke gelesen haben. Früher oder später aber wird die Fähigkeit, flüssig von Hand zu schreiben, nur noch von wenigen Spezialisten der historischen Kommunikationswissenschaft weitergegeben werden.

Jede neue Generation wird darüber entscheiden müssen, an welcher Überlieferung festgehalten werden soll und welche man in "Orchideenwissenschaften" im elfenbeinernen Turm verwahrt, bis sie wie heute die Islamwissenschaften wieder brandaktuell werden.

Als Pensionär mache ich hier keinen Versuch, ein fundiertes Urteil über Kompetenzorientierung abzugeben.
Ich halte nur fest, ich bin alt genug, ihr kritisch gegenüber zu stehen, und zu jung, um zu meinen, dass alles, was einmal zum Mittelstufenstoff gehörte, auch in künftigen Jahrzehnten noch von allen Abiturienten beherrscht werden müsste. (Ich verweise dazu auf das "Säbelzahn-Currikulum"*.)

Bruchrechnung war schon lange nicht jedermanns Sache, Es gibt aber immer noch Optimisten, die meinen, dass nicht nur besonders Begabte sie frustfrei lernen können.

Manche Sprache, die schon ausgestorben schien, wurde neu belebt; aber gleichzeitig verwandeln sich lebende Sprachen bis zur Unkenntlichkeit.
Ich hätte mir als Fünftklässler ("Sextaner") nicht vorstellen können, welche Schwierigkeiten heute hochqualifizierte Journalisten mit der Unterscheidung von Genitiv und Dativ haben. Dabei ist das Deutsche im Verhältnis zum Englischen ja noch stabil; denn es wird nur von - vergleichsweise - wenigen Millionen als Zweit- oder Drittsprache verwendet.

Zwei Fragen:
Ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Fällen im Deutschen noch eine Kompetenz oder gehört sie schon zur überholten "Stoffdidaktik"?

Muss man das Säbelzahn-Curriculum kennen, um zu verstehen, dass schon altsteinzeitliche Jäger kompetenzorientiert lernten, aber auch über einen umfassenden Fundus an Kenntnissen über Pflanzen, Tiere, Geräusche ... hatten. (Auch wenn ihre Pflanzenkenntnis geringer gewesen sein wird als die der Sammlerinnen.)

* Der mittlere Student (1963) in: Killy, Walther: Bildungsfragen München 1971

*"Aber - aber jedenfalls müssen Sie zugeben, daß sich die Zeiten geändert haben. Könnten Sie es mit diesen modernen Dingen nicht wenigstens versuchen? Vielleicht haben sie doch einen gewissen erzieherischen Wert?!" Selbst die anderen Radikalen meinten, daß er nun zu weit gegangen sei. Die weisen Alten wurden böse. Ihr freundliches Lächeln verschwand. "Wenn du selbst eine Erziehung hättest", sagten sie ernst, "dann würdest du wissen, daß die Wirkung einer wahren Erziehung zeitlos ist. Es ist etwas, das auch unter veränderten Bedingungen andauert wie ein Felsbrocken inmitten eines reißenden Flusses. Du mußt wissen, daß es einige ewige Wahrheiten gibt, und das Säbelzahn-Curriculum ist eine davon". (H. Benjamin)

15.6.17

Kindesmissbrauch

Es geschieht jeden Tag, jede Nacht ZEIT 13.6.17
"Wollen wir erreichen, dass die Zahl der jährlichen Missbrauchsfälle zurückgeht und Betroffene die erforderliche Unterstützung erhalten, darf es ein einfaches "Weiter so" nicht geben. Ich plädiere dafür, dass Bund und Länder gemeinsam mit mir im Jahr 2018 ein neues Programm für den verstärkten Schutz gegen Kindesmissbrauch aufstellen."

Kommission zur Aufarbeitung: Zwischenbericht 14.6.17
"Kinder haben oft keine oder erst spät Hilfe erfahren, weil Familienangehörige zum Teil lange etwas von dem Missbrauch wussten, sie dennoch nicht davor schützten und handelten.
Insbesondere die Rolle der Mütter steht im Fokus. Mütter treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch als Einzeltäterinnen auf, aber vorwiegend als Mitwissende und damit als Unterstützende der Taten. Gründe für das Dulden des Missbrauchs sind u.a. Abhängigkeiten, erlebte Rechtlosigkeit, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt in der Partnerschaft, jedoch auch die Angst vor dem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie bereits eigene vorausgegangene Missbrauchserfahrungen in der Familie. In den wenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sie vor weiterem Missbrauch geschützt. Hilfe von außerhalb der Familie erfahren Betroffene selten, weil die Familie, als Privatraum gesehen wird. Aufarbeitung muss sich folglich mit der Wirkung gesellschaftlicher Vorstellungen von Familie sowie der Rolle von Eltern und anderen Angehörigen befassen. Zu klären ist auch, welche Bedeutung das Dilemma zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Aufgabe des staatlichen Wächteramtes hat." (Hervorhebung von Fonty)

Es reicht nicht, Täter und Mitwisser von Kindesmissbrauch zu verurteilen. Es müssen Strukturen geschaffen werden, wo Kinder Hilfe finden können. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

dazu auch:
Aguas Bravas

Ein Erlebnisbericht

Elisas Not FR 26.4.2010

Bodo Kirchhoff über seine Erfahrung als Missbrauchsopfer

Bis zu 700 Missbrauchsopfer bei Regensburger Domspatzen, SZ 8.1.16 
Tweets zu #Domspatzen


Einstellung zu sexuellem Umgang von Erwachsenen mit Kindern um 1980

Link zu allen Artikeln zu sexuellem Missbrauch an Kindern auf diesem Blog

25.5.17

Brauchen wir einen Literaturkanon?

"Ich finde nicht nur, dass ein Literaturkanon gut ist, weil ich an die tiefe Kraft glaube, die dem Verständnis von Literatur für jeden einzelnen inne liegt, sondern ich bin der Überzeugung,
dass ich besser auswählen kann, was man wissen soll (!) und was nicht. Weil ich über Jahre diese Themen studiert, über sie geschrieben, geredet und gestritten habe."
So formuliert Bob Blume in einem lesenswerten Text über den gegenwärtigen Bildungsdiskurs im Internet.

Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.) fragt Herr Rau in seinem Lehrerzimmer.

Lesenswert sind auch die Kommentare dazu.

Zitat aus meinem Kommentar (ein klein wenig stilistisch verbessert):

"Lesebücher halte ich für so wichtig, weil die großartige „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens“, die m.E. genauso zum Kanon gehören wie „Der Mond ist aufgegangen“ „Erlkönig“ und „Es war, als …“, sonst der Zufälligkeit des Interesses von einzelnen Deutschlehrern ausgeliefert wären.
Natürlich entsteht ein Kanon nur durch Gebrauch und davon reden, nicht durch Vorschriften.
Zum Glück gibt es noch Schulnamen, so dass wenigstens an diesen Schulen das eine oder andere Werk des Schulnamensdichters (in Ausschnitten) bekannt wird. – Mir unvergesslich, wie bei einer Lesung des lyrischen und dramatischen Werks eines nicht unbekannten Dichters (irgendetwas zwischen 48 und 90 Stunden) eine Sechstklässlerin als einzige das Metrum des „Reineke Fuchs“ deutlich zu Gehör brachte (Erwachsene scheiterten daran). Natürlich gehört „Reineke Fuchs“ nicht zum Kanon; aber dass dieser Dichter nicht nur im zweiten Teil seines dem Namen nach bekanntesten Werkes mit dem jambischen Trimeter antike Versmaße verwendete, das sollte … " (Da es Suchmaschinen gibt, lasse ich zunächst die zugehörigen Links fort.)

Auf jeden Fall ist der Artikel von Herrn Rau sehr lesenswert und für die meisten Leser dürfte auch das, was dort gesagt ist, ausreichen, um sich eine gut begründete Meinung zu bilden. Mich drängt es aber dazu, am Beispiel von Shakespeare und J.S. Bach auf die Geschichte der Kanonbildung einzugehen. 
Die Formulierung eines Kanons bedeutet immer ein Werturteil, und Werturteile bewähren sich nur im kritischen Diskurs (hier brauche ich ein Link, um anzudeuten, dass es um mehr als nur eine Unterhaltung geht). 
Shakespeare und J.S. Bach waren zu ihrer Zeit Mode. Dass sie aber heute weltweit zu den bedeutendsten Vertretern ihrer Kunst gezählt werden, hat sich erst durch einen Diskurs Generationen nach ihrem Tod herausgebildet. 
Lessing hat den zu seiner Zeit in Deutschland gültigen literarischen Kanon in seinem 17. Literaturbrief mit einem klaren "Ich bin dieser Niemand" in Frage gestellt und - letztendlich sehr erfolgreich - Shakespeare als Gegenbild herausgestellt. Die Weimarer Klassik ist ohne die Hinwendung zum Vorbild Shakespeare nicht denkbar (so sehr sie sich auch von ihm weg entwickelt hat).
J.S. Bach war durch seinen Sohn Carl Philipp Emanuel wegen dessen Epoche machenden Neuerungen, die die Wiener Klassik vorbereiteten, in den Schatten gestellt worden. Es bedurfte des J.S. Bach Revivals des 19. Jahrhunderts, um für das 20. und 21. Jahrhundert weltweit deutlich zu machen, dass Bach durch seinen Sohn nur abgelöst, nicht übertroffen worden war. 
Was wäre von Georg Büchner noch überliefert, wenn er nicht für den literarischen Kanon entdeckt worden wäre? [dazu sieh Ph. Wampflers Gegenkanon*]

Nicht zufällig habe ich Shakespeare und J.S. Bach als Beispiele für die Bedeutung der Kanonbildung herausgestellt; denn für diese beiden gilt - zumindest meiner Ansicht nach -, dass sie nicht "Zwerge auf den Schultern von Riesen" waren (so sehr sie auf der Überlieferung und den hervorragenden Werken ihrer Zeit aufbauten). Sie waren selber Riesen, und uns wäre Entscheidendes verloren gegangen, wenn wir nur die (großartigen, unsterblichen und was man sonst zum Lob der Künstler nach diesen beiden anführen mag) Werke, die auf sie folgten, angewiesen wären. 


So viel schon habe ich geschrieben und noch nichts dazu gesagt, weshalb man die  Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens ...“ kennen sollte, obwohl sie beide nicht von Shakespeare oder einem der deutschen Klassiker stammen.

Vorerst schreibe ich auch noch nichts dazu, sondern wende mich meinem Tagewerk zu, nicht ohne ein kleines Gedicht anzuführen:
                                           „Schläft ein Lied in allen Dingen,
                                            Die da träumen fort und fort,
                                            Und die Welt hebt an zu singen,
                                            Triffst du nur das Zauberwort.“
Auch das verdient meiner Meinung nach, dem literarischen Kanon anzugehören. Und dazu braucht es meiner Meinung nach Lesebücher oder einen elektronischen Ersatz dafür. 
(Mehr zu Lesebüchern hier.)

Ergänzung am 24.5.:
Immer wieder gibt es Versuche, eine Kanonbildung zu unterstützen. Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher (und die Folgeaktivitäten) gehörten dazu, Marcel Reich-Ranickis Kanon, auch Die Lieblingsgedichte der Deutschen.  Außerdem  der ZEIT-Schülerbibliotheks-Kanon (und daraus z.B.  Georg Büchner: Lenz, Leonce und Lena, Dantons Tod, Friedrich Dürrenmatt: Besuch der alten DameJurek Becker: Jakob der LügnerGeorg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, Hermann Bote: Till Eulenspiegel).
Die Beteiligung an der Umfrage zum Lyrikprojekt und die Auflagen der beiden erstgenannten zeugen von einem Interesse an einem Kanon und davon, dass er nicht staatlich verordnet sein muss, um wirksam zu werden.
Auch Lektürelisten von Universitäten oder Deutschlehrern (Beispiel von 1960 für eine 9. Klasse) helfen dabei.

Mehr zu der Bildung eines literarischen Kanons:
Hermann Korte: Grundzüge der Literaturdidaktik (ein Hinweis von Ph. Wampfler)
Philippe Wampflers Gegenkanon
*Büchner war als Schüler an der Bildung eines Gegenkanons beteiligt, wenn er mit seinen Freunden über Goethe und Schiller sprach statt über Homer und Horaz, wie seine Lehrer es von ihnen erwarteten. 

Dieser Text wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.

Texte, die m.E. zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten drohen:
Über das Marionettentheater
Campagne in Frankreich 1792